1. Herren | Neue Westfälische (Bielefeld) | 24.06.17
Interview: Der ehemalige Geschäftsführer des TBV Lemgo, Christian Sprdlik, will den Handball-Oberligisten TSG A-H Bielefeld zur Marke für OWL ausbauen. Das große Ziel Bundesliga soll mit Geduld erreicht werden

Herr Sprdlik, Sie sind als Geschäftsführer der TSG angetreten, um in Bielefeld wieder Bundesligahandball zu etablieren. Wie viel Neid und Skepsis ist Ihnen bereits entgegengeschlagen?

Christian Sprdlik: Neid gar nicht. Wir haben ja auch noch nichts erreicht. Wir haben ein paar gute Leute für die kommende Saison verpflichtet, aber damit stehen wir ja erst am Anfang. Skepsis ist natürlich da. Bundesligahandball in Bielefeld - das ist zunächst eine verrückte Idee. Wenn die Personen das Konzept mit der Vision dahinter sehen, sagen sie meist: ?Stimmt, Sie haben Recht, der Weg ist gut und das Konzept durchdacht, da machen wir mit.? Das Potenzial in Bielefeld und Umgebung mit den Kreisen Gütersloh und Herford ist enorm groß. Damit meine ich nicht nur die Wirtschaftskraft, sondern auch die enorme Handballaffinität und die sehr gute Infrastruktur wie Seidenstickerhalle oder sogar das Gerry-Weber-Stadion.

Kann ihr Verein, der aktuell noch in der Oberliga spielt, denn tatsächlich irgendwann zu den Großen der Region gehören? Immerhin kommen schon drei Bundesligisten aus OWL.

Sprdlik: Mein Ziel ist es ja nicht, die Anderen auszustechen. Wir wollen etwas Gutes für Bielefeld entwickeln, weil Bielefeld es kann. Ziel ist es, hier im Oberzentrum etwas Erstklassiges zu schaffen, für das dann auch die Kreise Gütersloh und Herford als Kern-Einzugsgebiete dienen. Handball in Bielefeld und guter Sport aus Ostwestfalen - das soll eine starke Marke werden.

Eine Marke, für die es schon einen Namen gibt?

Sprdlik: Ja, wir verstehen uns als Hand.B.OWL (für Handball.Bielefeld.Ostwestfalen-Lippe, d. Red.), ohne die Wurzeln des Vereins zu verletzen. Wir starten natürlich weiter als TSG A-H Bielefeld im Ligabetrieb. Hand.B.OWL soll vielmehr als Marke für die Neuausrichtung stehen und wird uns auf diesem Weg begleiten. Die Marke wird das Spiegelbild unseres Handelns und das ist stark ostwestfälisch geprägt: innovativ, nachhaltig, bodenständig, qualitativ hochwertig. Wir sprechen die Sprache der Region und wollen diese genauso verkörpern.

Das sind große Visionen. Wo stehen Sie denn im Moment?

Sprdlik: Ganz am Anfang. Und das ist bekanntlich die schwerste Zeit. Wir haben da sinnbildlich ein ganz schön großes Rad hingestellt, das allein niemand angeschoben bekommt. Dafür braucht man viele Leute, um es ins Rollen zu bekommen. Darum geht es: etwas aufzubauen und dafür viele zu begeistern.

Viele Skeptiker fragen sich, ob Sie für Ihre Vorhaben genug Geld zusammenbekommen.

Sprdlik: Natürlich brauchen wir einen entsprechenden Etat. 85 Prozent unseres Gesamtetats werden durch Sponsorengelder finanziert, was zeigt, wie wichtig die Sponsorengewinnung und Betreuung ist. Genau das ist der Ansatzpunkt. Wir haben ein richtig gutes Konzept, in dem die Sponsoren nicht nur mitgestalten können, sondern sich auch als Werbepartner auf eine ganz besondere Art und Weise wiederfinden und somit ein exklusives Marketing für das eigene Unternehmen erfahren können. Wir spielen zwar aktuell in der vierten Liga, aber unsere Sponsorenbetreuung wird erstklassig sein. Gemeinsame Veranstaltungen, Networking und das aktive Einbinden unserer Partner sind mir extrem wichtig. Sie sollen und werden sich bei uns rundum wohl fühlen und partizipieren können.

Wird der Geschäftsführer denn auch Jugendspiele anschauen?


Sprdlik: Absolut! Es geht ja nicht nur um die erste Mannschaft. Unsere Arbeit wird nachhaltig sein. Alle Teams und vor allem die Jugendarbeit, die bei uns schon sehr gut ist, stehen im Fokus. Wir wollen die Kinder für Handball und Sport im Allgemeinen begeistern. Da haben wir auch eine soziale Verantwortung. Wir werden in die Schulen gehen und auch mit der Uni und den heimischen Wirtschaftsunternehmen kooperieren.

Zurück zur ersten Mannschaft: Was macht sie so sicher, dass das Team oben mitspielen wird?

Sprdlik: Wir haben gute Spieler bekommen, die mindestens Drittligaformat haben. Auch die Spieler, die dem Kader erhalten geblieben sind, haben enorme Qualität. Die Kunst besteht darin, aus diesen guten Einzelspielern ein Team zu formen. Das wird die Aufgabe des Teams hinter dem Team und die des Teams selbst. Wichtig ist aber auch, dass man sich Zeit gibt und nicht versucht, alles mit der Brechstange zu erzwingen. Der Verein und das Umfeld müssen gesund mitwachsen. Da bin ich wieder beim Thema Nachhaltigkeit. Wir haben klare Ziele, die wir erreichen, aber nicht erzwingen wollen. Natürlich wollen wir aufsteigen, das ist klar. Aber wenn es nicht gleich klappt, werden wir das Projekt nicht sofort wieder einstampfen. Wir wollen durch durchdachte, nachhaltige Arbeit überzeugen.

Und haben Sie als Geschäftsführer auch Einfluss auf sportliche Dinge?

Sprdlik: Als Geschäftsführer hast du eine Gesamtverantwortung, aber wir besprechen natürlich alles im Team. Das läuft sehr gut. Michael Boy, Matthias Geukes, Heinrich Rödding, Marius Moning und viele andere sind dabei. Es ist mir auch besonders wichtig, auf den Erfahrungsschatz derer zurückzugreifen, die hier bereits viele Jahre mit gestaltet haben. Ich habe natürlich zu den Dingen meine Vorstellungen, aber ich bin nicht die Axt im Walde. Das ist ja nicht das Sprdlik-Projekt. Jeder soll mitwirken können und somit auch Lust auf dieses gemeinsame Projekt bekommen. Nur dann können wir erfolgreich sein.

In der Szene staunen einige über einen Viertligisten, der das Geld für einen hauptamtlichen Geschäftsführer hat, noch dazu einen mit Erstliga-Vergangenheit. Wie schafft die TSG das?

Sprdlik: Dafür muss man den gesamten Etat mit allen Kostenpunkten wie Spielergehälter oder den Spielbetrieb betrachten. Da ist Sprdlik mit drin. 65 Prozent unseres Gesamtetats, egal wie hoch der ist, sind für Personalkosten reserviert. Natürlich esse ich auch einen Teil des Kuchens, aber das ist nicht so viel, wie manche denken. Ich mache das, weil ich hier eine Perspektive sehe und an das Projekt glaube.

Man könnte also sagen, dass Sie sich auch vorgenommen haben, Bielefeld in Deutschland bekannter zu machen.

Sprdlik: Bielefeld hat so viel zu bieten und ist als 18-größte Stadt in Deutschland eine Hausmarke, die oft unterschätzt wird. Wie oft hört man: ?Bielefeld - gibt es doch gar nicht!? Das finde ich sehr schade, denn jeder, der einmal in dieser Region gelebt hat, weiß, wie schön und lebenswert es hier ist. Da setzen wir an. Wir werden zeigen, dass es Bielefeld gibt und sehen uns auf Dauer auch als Aushängeschild für diese tolle Stadt und diese tolle Region in einer der beliebtesten und sympathischsten Sportarten in Deutschland.

Das Gespräch führten Gregor Winkler und Torsten Ziegler

Zur Person Christian Sprdlik

Alter: 38 Jahre.

Familienstand: Verheiratet, ein Kind (im August kommt Nummer zwei).

Beruf: Sportfachwirt.

Sportliche Stationen: TBV Lemgo, TV Lemgo, TuS 97 Bi.-Jöllenbeck, HSG Augustdorf / Hövelhof, Handball Lemgo.

Berufliche Stationen: HSG Blomberg/Lippe (2007 - 2010), Handball Lemgo Youngsters (2010-2012), TBV Lemgo (bis 2017).

Nächstes Spiel | Oberliga Westfalen | 23. Spieltag

VfL Gladbeck
TSG AH Bielefeld
18.04.2020, 19:30 Uhr | Live
Riesener Sporthalle, Schützenstraße 23, 45964 Gladbeck

Neuste Galerie

12.01.20: VfL Herford - 4. Herren

Weitere 7102 Bilder sind in der Galerie.